Die Nacht war früh vorbei.

Zu früh für einen normalen Urlaubstag zumindest… Um 8:00 Uhr sollte der Wecker klingeln, jedoch war ich natürlich schon wesentlich früher wach. Am liebsten wäre ich sofort losgefahren. Ich glaube auch Woody spürte immer mehr, dass Heute irgend etwas passieren würde.

„Ich fahre mit dir bis ans Ende der Welt“ – Woody

Ich erinner mich noch gut an meinen letzten Kurztrip in meine Heimat anfang März oder allen anderen zuvor, bei denen er sofort ins Auto gesprungen ist, wenn auch nur ein Spalt der Tür offen stand. „Lass mich bloß nicht allein“, dachte er bestimmt. Selbst wenn das Tasche- & Auto- packen oder Fahrrad auseinander schrauben noch mehrere Stunden dauern sollte, um es verstauen zu können, bewegte er sich nicht vom Fahrersitz weg. Die selbe Aufregung war ihm auch Heute anzusehen. Der einzige Unterschied war, dass er sich diesmal nicht in das Auto setzen konnte, da dieses ja hier bleiben würde. Er streunerte also von der Küche auf den Balkon, in mein WG-Zimmer und das gleiche wieder von vorne, wahrscheinlich immer auf der Suche nach dem offenen Spalt der Tür, in die er hineinhuschen kann. Ich bin mir allerdings sicher, dass ihm das dogpacken wesentlich mehr gefallen wird, als das Autofahren.

 

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Brötchen, gekochten Eiern, Käse und ganz viel Kaffee standen nur noch ein paar Kleinigkeiten an, die ich meiner To-do Liste ergänzt hatte. Wie nach einem Sprung in die Zukunft kam es mir vor, als mein damaliger Mitbewohner Flo und ich auf einmal anfingen mein Gepäck, das Fahrrad und den Anhänger runter zu tragen und ich einen letzten Schluck Kaffee nach dem obligatorischen Vor-Aufbruchs-Foto nahm.

Wir sind bereit!

Die erste von insgesamt 13 Etappen begann für uns um etwa 10:30 Uhr. Ich wollte Woody natürlich erst etwas laufen lassen, da ich zuvor nur eine kurze Runde mit Ihm gegangen bin, damit er die Bochumer Hundezeitung lesen und das ein oder andere Geschäftchen erledigen konnte. Nach gut einem Kilometer kamen wir auf den Springorumradweg, der uns zur Ruhr und zum Rhein bringen sollte. Es tat gut, unmittelbar nach Verlassen des Hauses in einem von Bäumen, Gräsern und Sträuchern bewachsenem Gebiet zu fahren. Auch wenn dies nicht natürlichen Ursprungs war. Vom Menschen gemachte Natur also. Natürlich würde mich auch in den Niederlanden kaum etwas anderes erwarten. Das war mir bewusst. Dennoch genoß ich es sehr nicht durch graue & bebaute Industrie- oder Häuserlandschaften zu fahren. Dem Woody gefallen Bäume, Wiesen und Schotterwege wohl genauso sehr. Wie schon während dem Weg zu/von meiner Arbeit in Herten, den ich meist mit dem Fahrrad fahre, trabte er fokussiert und sichtbar erfreut neben mir.

Fahrradfahrer verlieren immer… manchmal sogar ihr Leben

Ich wurde allerdings auch damit konfrontiert, dass Fahrrad fahren nicht ungefährlich ist. Wenn man bei Google oder Youtube einmal nach „Fahrrad Auto Unfall“ sucht, wird man schnell Zeuge davon, dass die Rücksichtnahme von Autofahrern alles andere als grenzenlos ist. Fahrradfahrer werden übersehen, oder gar bewusst riskant und rücksichtslos überholt nur um im eigenen Recht oder gerade noch die Ampelphase zu schaffen und enden in jedem Fall schmerzhaft oder gar tödlich für den Drahteselbenutzer. Ich bitte dich Leser/in also, wenn du Auto fährst, denk zweimal darüber nach, ob es sich wirklich lohnt 10 Sekunden eher an deinem Ziel zu sein, wenn du gerade einen Fahrradfahrer auf einer engen Spur überholen möchtest oder sonstige, vielleicht im ersten Anschein unriskant wirkende Manöver neben Radfahrern unternimmst. Stell dir nur einmal vor, dass ein kleiner Stein ausreichen könnte, um den Radfahrer zu Fall und somit unter dein Auto zu bringen…

Woodstock gibt das Tempo vor!

Endlich gehts los!

Das war schon immer so. Sehr selten kam es dazu, dass ich das Tempo mal erhöht hatte. Immerhin wollte ich ihn ja laufen lassen so viel er konnte und für ihn angenehm war. Ganz zu schweigen von dem Gewichtsunterschied, den ich ohne ihn im Anhänger zu schleppen hatte. Es war ebenfalls herrlich, dass ich ihn, wie so oft in unbebauten oder straßenfernen Landschaften von der Leine lassen konnte. Fuß laufen war eines der ersten Befehle, welche ich ihm beigebracht hatte. Selbst im strömenden Regen stand ich mit ihm damals auf der Wiese, so lange bis er eben das Kommando befolgt hatte, was ich zuvor genannt hatte. Nachgeben gibt es da bei mir nicht. Immerhin ist die Konsequenz eines Herrchens nicht nur wichtig, sondern absolut essentiell für einen Hund. Wenn er immer das tun dürfte, was er wollte, könnte ich mir schließlich nie sicher sein, dass ich ihn vor schwierigen oder gefährlichen Situationen an meine Seite rufen und somit beschützen könnte.

kleine Pause gefällig?

Nach etwa 15 Kilometern auf dem Springorumradweg hatte ich beschlossen uns eine kleine Eier-Pause zu gönnen und Woody etwas mehr verschnaufen zu lassen, als bei den obligatorischen alle-paar-kilometer-pipi&schnüffel-Pausen. Nur zu komisch, dass er da gerade wohl keine Lust auf sein hartgekochtes Ei hatte. Woody war beim Essen allerdings schon immer sehr eigen. Manchmal musste ich ihm mehrmals erlauben, seinen Napf leeren zu dürfen.

AbS – Akutes-bergauf-Syndrom

Während die ersten 15 Kilometer hervorragend eben und sehr entspannt mit einem Hundeleeren Anhänger hinter uns lagen, sollte Woody nun in diesen schlüpfen, damit er etwas verschnaufen kann. Nur zu blöd, dass es nach wenigen Kilometern plötzlich anfing bergauf zu gehen. Es kam mir vor, als würde ich gerade wie Hannibal die Alpen überqueren – mit einem Elefanten auf dem Rücken. Abgesehen von den 15-20 Kilometern, die wir 2-3x die Woche zur Arbeit und zurück fahren, war ich eigentlich ziemlich untrainert.

Woody & ich am Kemnader Stausee

Wir hatten zwar hier und da kleinere Fahrten zum Kemnader Stausee oder durch die Grünanlagen Bochums unternommen, allerdings nicht um bei mir Kondition aufzubauen, sondern um Woody Auslauf und Training zu bieten. Außerdem war dies ja auch die erste Fahrt mit vollem Gepäck und erst die dritte mit Woody im Anhänger.

Von 0 auf 100 in „SOFORT!“, war schon immer mein Gedanke. Vorbereitung schön und gut; aber wenn, dann möchte ich sofort loslegen! Einfach ins kalte Wasser springen und die 99 Schritte vor dem 100sten Überspringen. Sollte sich diese Unternehmung bereits am ersten Tag als mein Endgegner herausstellen? Nach weiteren fünf Kilometern wurden die Beine schwer, nach zehn schmerzte mein Gesäß & nach 15 wollte ich einfach nur noch nach Hause und mich mit Woody zusammen auf die Terrasse setzen und ein kühles Bierchen oder einen Weinchen genießen. Aber das würde dann auch bedeuten, dass 6 Monate harte Arbeit & Vorbereitung zunichte gemacht würden…

eine der vielen engen Passagen an der Ruhr…

Aufgeben? Nach nur einem Tag? Wie ihr euch denken könnt, habe ich mich dagegen entschieden. Andernfalls wäre dies wohl eine sehr kurze Erlebnisdokumentation über den 14-tägigen Trip zur Nordsee geworden. Und dennoch, hatte ich während unseres gesamten Trips nur ein einziges weiteres mal einen ähnlichen, jedoch auch weitaus bedrohlicher erscheinenden Gedanken ans Aufgeben der Tour. Über diesen und das damit einhergehende ereignisreiche Erlebnis werdet ihr auf meiner Seite über unsere 6te Etappe erfahren. Insgesamt gesehen ist die Fahrradstrecke bis und entlag der Ruhr nach Duisburg sehr zu empfehlen, wären da nicht diese gesperrten Abschnitte gewesen. Diese haben uns gezwungen auf Fußwege auszuweichen, die zum Teil so eng waren, dass wir beinahe umkehren und einen alternativen Weg hätten einschlagen müssen.

Woody in der Ruhr

Nach etlichen, insgesamt 45 bergauf-und-ab, schönen, aber auch teilweise sehr engen Kilometern, der durchquerung Mühlheims an der Ruhr und dem Suchen des Rheinradwegs in Duisburg, haben wir es dennoch  zum Rhein geschafft. Dort angekommen, gönnten wir uns eine Pause, indem wir den Schiffen, Wanderern und Fahrradfahrern beim vorbeiziehen zusahen – einfach herrlich.

endlich: der Rhein

Duisburg und der Rhein

erschöpft, aber glücklich

Endlich! Da ist er, der Rhein. Und prompt grüßte uns die Sonne erfreulich, als hätte sie nur auf uns gewartet. Woody sprang direkt ins Wasser und genoß die Abkühlung trotz der niedrigen Temperaturen ausgiebig. Er wälzte sich von links nach rechts & von rechts nach links, als hätte er sich genau diese eine Stelle schon vorher bei Streetview ausgesucht. Lange konnten wir uns allerdings nicht aufhalten, da wir immer noch im städtischen Gebiet waren und ich nicht sicher war, wie lange wir für unsere Suche nach einem geeigneten Nachtlager fahren müssten. Es war mittlerweile 6 Uhr Abends und in einer Stunde würde es anfangen dunkel zu werden. Das erste mal Zeltaufbauen im Freien wollte ich ungern nur mit Camping & Fahrradbeleuchtung bewerkstelligen müssen. Etwa 15 Kilometer weiter und eine Stunde später, irgendwo zwischen Voerde & Wesel haben wir dann einen geeigneten Platz für unser Nachtlager gefunden.

endlich warmes Essen!

Hungrig und erschöpft, war die erste Etappe von 65 Kilometern geschafft. Es schien, als hätte jemand den Lichtstecker gezogen, so schnell wurde es Dunkel. Der Abstand zwischen den beiden Fotos war nicht mehr als 30 Minuten, so schnell begann die Nacht. Dennoch musste ich unbedingt etwas warmes essen. Zwar hatte ich auch Nudeln, Tomatensauce und vieles mehr dabei, jedoch hatte ich Lust auf Dosenkram. Woody hatte ich direkt nach unserer Ankunft bereits seine Portion gegeben, sodass nur noch mein Hunger gestillt werden musste. Tatsächlich war dies nur das erste von insgesamt zwei Dosenmahlzeiten, die ich zubereitet hatte. Die sonstigen warmen Mittag- oder Abendessen waren entweder von (bzw. gemeinsam mit) anderen gekocht, oder bestanden aus einfachen Bestandteilen, wie Reis, Pesto und Käse.

Ich bin & Du bist Wir – Wir sind Du & Ich

Wir

Im Zelt angekommen, wollte ich unbedingt meine ersten Zeilen über die Tour schreiben und mit einem Text verknüpfen, den ich einige Tage zuvor schon angefangen hatte. Ich setzte mich also auf meine Matratze, während Woody auf seinem Bettchen neben mir anfing zu dösen. Fiepend, schnarchend, in der Luft rennend war er in Sekunden eingeschlafen und ich sah ihm einige Zeit zu, wie er tiefer und tiefer in seine Träume hineinglitt. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, was er gerade träumt. Ob wir uns gerade auf einer Wiese entgegenlaufen? Er mit heraushängender Zunge – Ich mit ausgestreckten Armen? Vielleicht träumt er aber auch einfach nur vom laufen neben meinem Rad, den Zerr-Spielen, die er so mag, oder wie er gerade einen riesen Stock aus einem See herauszieht. Hauptsache irgend etwas schönes, denke ich mir. Stundenlang könnte ich ihm zuschauen… Tage… Wochen! Woody ist definitiv das Beste, was mir passieren konnte. Niemals würde ich ihn im Stich lassen. Egal was ist, egal wohin es geht, egal wer kommt und geht, wir bleiben ein Team. Schon einige Male wurde uns nachgesagt welch unfassbare Symbiosis wir miteinander hätten und ausstrahlen würden, welch inspirierende Kraft wir gemeinsam auf andere Menschen abstrahlen, zum Lachen & Staunen bringen und welch große & wahre Liebe zwischen uns zu spüren ist.

Lichtindustrie

Irgendwann riss ich mich jedoch von den Gedanken los und fing an zu schreiben. Nur ein paar zusätzliche Zeilen sollten es am Ende werden, die meinen Blogbeitrag a rolling stone gathers no moss kompletieren sollten. Nachdem ich fertig war, blickte ich noch einmal hinaus und sah auf den Rhein & das einige hundert Meter entfernt liegende & beleuchtete Kraftwerk, dass mich daran erinnerte, noch weit von unserem örtlichen Ziel entfernt zu sein. Aber Bald…


Wie es weiterging erfährst du hier: Tag 2 – Schnapp dir ’n Bier